Huhn und Hahn

Eine Henne ist bei mir im Garten. Die Henne gackert um Asyl und erzählt mir ihre schauerliche Geschichte.

Immer wieder verschwinden Hühner aus ihrem Stall auf Nimmerwiedersehen. Als kleines Küken glaubte sie, dass die verschwundenen Hühner einfach in einen anderen Stall gezogen sind, und alle anderen glaubten das auch. Darum machte sie sich auch keine Sorgen, als nach und nach ihre Großmutter, sämtliche Tanten, und überhaupt alle älteren Hühner verschwanden. Sie freute sich sogar auf den Tag, an dem auch sie verschwinden und die anderen im neuen Stall wiedersehen würde.

Eines nachts, sie wollte es sich schon zum Schlafen gemütlich machen, vermisste sie eine ihrer Schwestern. Sie suchte sie in allen Ecken und auf allen Stangen, aber konnte sie nicht finden. Langsam begann sie sich Sorgen zu machen. Während sie tagsüber alle  im Garten rumliefen, mussten sie nachts in den Stall, alles andere wäre Selbstmord. Vielleicht hatte ihre Schwester ja den Sonnenuntergang verschlafen und war allein im Garten geblieben? Sie musste unbedingt nachsehen und ihr helfen. Zu zweit konnten sie sich besser gegen die Marder und Schlangen verteidigen, die die Nacht für Hühner so gefährlich machen.

Vorsichtig öffnete sie die Stalltür und huschte hinaus in den dunklen Garten. Der Garten war ruhig, aber aus dem Haus hörte sie Stimmen und Gelächter. In der Küche brannte ein Feuer, darüber hing ein Topf, in den die Frauen kleingeschnittenes Gemüse warfen und ab und zu mit einem langen Holzlöffel umrührten. Neugierig schlich sie sich näher heran. Da, eine der Frauen langte in einen Korb, holte ein Bündel heraus und legte es auf den Küchentisch. Die Henne machte in ihrem Versteck einen langen Hals, um zu sehen, was das war. Das Bündel bewegte sich! Es gackerte! Nein, das ist doch nicht, das kann doch nicht…das IST MEINE SCHWESTER! Die Frau hat jetzt ein langes Messer in der Hand, und dann, oh gefiederte Göttin, rollt der Henne der Kopf ihrer Schwester vor die Füße! Sie sieht noch, wie Blut vom Tisch tropft, bevor sie in Ohnmacht fällt. Als sie wieder zu sich kommt, dreht sich alles und ein widerlicher Gestank nimmt ihr den Atem. Aus dem Topf steigt dicker Dampf und ein Fuß ragt aus der Suppe. Der Fuß ihrer Schwester.

Tränenüberströmt wankt die Henne zurück in ihren Stall, wo die anderen tief schlafen. Auch sie fällt irgendwann in einen unruhigen Schlaf, aus dem sie fürchterliche Albträume mit gesottenen Füßen und rollenden Köpfen immer wieder wecken.

Am nächsten Morgen erzählt sie alles den anderen Hühnern. Die glauben ihr natürlich nicht und lachen sie aus. Sie sucht nach Beweisen, Federn, ja sogar nach dem Kopf ihrer Schwester, der ihr in der Nacht vor die Füße gerollt ist. Nichts, die Küche ist blitzblank, kein Blut, keine Federn, kein Kopf.

Nach einiger Zeit beruhigt sie sich ein wenig und geht wie die anderen Hühner dem Scharren, Fressen und Gackern nach. Vielleicht war das ja alles nur ein Albtraum gewesen.

Zur Sicherheit geht sie aber den Frauen ab jetzt aus dem Weg und schläft im Stall in einer dunklen Ecke. Nach und nach verschwinden mehrere ihrer Schwestern und schließlich ist sie das älteste Huhn im Stall. Nur der Hahn, der ist noch älter.

An diesem Tag sieht sie, wie die Frauen mit dem Finger auf sie zeigen und sich zu nicken. Sie kommen langsam näher, kreisen sie ein. Panik ergreift sie. Sie versucht wegzurennen, versucht zu fliegen mit ihren kurzen Flügeln, schafft es mit letzter Kraft auf die Gartenmauer und stürzt sich auf der anderen Seite wieder herunter. Aber keine Zeit zum Verschnaufen, da kommen schon zwei Hunde auf sie zugerannt, mit dem gleichen Ausdruck in den Augen wie die Frauen zuvor. Sie schreit auf, rennt quer durch den fremden Garten, da, wieder eine Mauer, und hinüber! Und landet in meinem Garten.

Ich gluckse der Henne freundlich zu und sage ihr gleich, dass ich seit über 30 Jahren Vegetarierin bin und sie von mir nichts zu befürchten hat. Das beruhigt sie und sie erzählt mir ihre Geschichte.

Auf einmal ein aufgeregtes Flattern, ein triumphierendes HABICHDICHHABICHDIIIIICH und der alte Hahn plumpst von der Mauer in meinen Garten. Die Henne schaut ihn entsetzt an und zischt „Halt die Klappe, alter Gockel, willst du etwa, dass die Frauen mich finden und mir den Kopf abschneiden?“ Der Hahn plustert sich auf und kräht HIERISTSIEHIERISTSIIIIIIIIIIIII! „Du dumme Henne, das ist nun mal dein Schicksal, wer bist du, dass du das nicht akzeptierst? Alte Hühner kommen in den Topf und junge Hähne auf den Spieß! Und damit mir das nicht auch passiert, muss ich dich wieder nach Hause bringen.“ Ich versuche zu schlichten und schlage einen Kompromiss vor: „hey, ihr könnt beide bei mir bleiben, ich mag weder Suppenhuhn noch Brathähnchen, und ein wenig Gesellschaft wäre mir lieb.“

Draußen vor der Mauer nähern sich Stimmen. Frauen. Die suchen bestimmt nach der Henne. Ich bedeute den beiden, ruhig zu bleiben, schließlich weiß ja keiner, dass sie bei mir im Garten sind. Die Frauen bleiben vor der Mauer stehen und lauschen. Dann gehen sie weiter, erleichtert atmet die Henne auf… HIERISTSIEHIERISTSIIIIIIIIIIIIIII!!!! Der feige Hahn hat uns verraten!

Es klopft ans Tor. Der Wächter macht auf. Die Frauen kommen in den Garten. Nehmen Hahn und Huhn mit.

Etwas später bringt der Wind den Geruch von Hühnersuppe und Brathähnchen in meinen Garten.

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